Es war kalt und ein schwacher Nordwestwind wehte mir den Nieselregen ins Gesicht. Der Flusssand knirschte unter den Sohlen meiner nassen Stiefel als ich das Flussbett des Orongorongo hinauflief. Es war nun kurz vor sieben; die Dämmerung würde bald durch die Dunkelheit abgelöst werden. Eine Baumwurzel, die der Fluss bei einer seiner letzten Fluten mitgerissen hatte, zog mich magisch an. Als ich sie endlich erreichte liess ich mich neben ihr in den Sand plumpsen. Der Boden nahm das Gewicht des Rucksacks von meinen Schultern und als ich den Hüftgurt löste konnte ich mich etwas entspannen. Für einen kurzen Augenblick sass ich still da während die Kälte an mir hochkroch. Etwas Wasser, das sich in einer Falte meines Anoraks angesammelt hatte, fand den Weg in den Kragen und lief mir den Hals hinunter.
Ich stand auf auf und begann im Rucksack zu kramen. Irgenwo musste sie sein. Nach einigem hin und her fand ich schliesslich die Erste Hilfe Tasche. Ich öffnete sie und holte einen für Notfälle vorgesehenen Energieriegel heraus. Nachdem ich mich wieder in den Sand gesetzt hatte lehnte ich mich mit dem Rücken an den Rucksack und begann den Riegel aus seiner Verpackung zu schälen. Seit zwei Jahren hatte ich diesen Riegel mit mir rumgeschleppt, jetzt begann ich ihn langsam abzukauen. Was machte ich hier überhaupt? Gab es keinen besseren Weg die Gefriertruhe zu füllen? Ich war fertig.
Tags zuvor hatte ich mich früh von der Arbeit losgeeist und war am späten Nachmittag am Road End angelangt. Mit Rucksack und Büchse war ich losgestapft, über den flachen Pass ins Orongorongo Tal. Zweimal traf ich auf dem Pfad auf andere Jäger, und wir unterhielten uns kurz. Sie waren alle erfolglos gewesen, wünschten mir aber viel Glück.
Ich erreichte den Fluss und folgte ihm stromabwärts. Die seit Wochen anhaltende Trockenheit hatte den Wasserpegel extrem absinken lassen, der Fluss war an den meisten Stellen nur etwas über knöcheltief. Aber der Wetterdienst hatte für den morgigen Abend Regen angesagt - dies sollte das Problem dann bald lösen. Im Moment konnte mir der tiefe Flussstand aber nur recht sein, und ich erreichte nach einer Stunde mit trockenen Stiefeln den Bachlauf der mich weiter nach oben auf den Grat leiten sollte.

Ein paar Schafe trollten sich im unteren Bachlauf herum - entflohene Tiere von der Farm weiter stromabwärts. Ich beschloss sie dieses Mal in Ruhe zu lassen, aber falls sie bei meinem nächsten Besuch noch da sein sollten würde ich mir das eine oder andere Schaf für die Kühltruhe mitnehmen.
Der Abend schritt weit voran während ich mich den Bachlauf hinaufarbeitete. Die Dunkelheit brach innerhalb von Minuten herein. Bis dahin hatte ich etwa die Hälfte des Aufstiegs geschafft, was so in etwa meinem Plan entsprach. Es war zu steil und zu steinig um auf dem Boden zu schlafen, also suchte ich mir ein paar Bäume neben dem Bach und begann mit dem Aufhängen der Hängematte. Kurze Zeit später schaukelte ich sanft im Wind und lauschte dem Murmeln des Baches. Ab und zu konnte ich einen Morepork schreien hören.
Um halb sechs Uhr morgens ging es weiter. Ich packte den Schlafsack und die Hängematte zurück in den Hauptrucksack und liess ihn am Bachrand zurück. Mit Büchse und Tagsrucksack arbeitete ich mich durch die Dunkelheit weiter den Bach hinauf. An ein paar Wasserfällen musste ich durch das Gestrüpp an der Seite klettern.
Bei Tagesanbruch erreichte ich eine kleine Plattform. Von hier aus hatte ich vor ein paar Wochen zwei Stück Rotwild und ein Kalb bei Sonnenaufgang beobachtet. Ich lehnte mich zurück ins Gras und wartete während ich mit dem Fernglas die Hänge beobachtete. Leider liess sich aber kein Rotwild blicken, und so stieg ich nach einer Stunde den Hang vollends hinauf bis ich den Grat erreichte.

Ab hier wurde es sehr schwierig voranzukommen. Der Busch auf dem Grat war sehr dicht. Ich wollte dem Grat Richtung Norden folgen, um den Wind in der Nase zu haben. Langsam zogen tiefe Wolken auf und der Wind nahm zu. Stossweise kamen die Wolken über den Grat und hüllten ihn immer wieder in Nebel. Ich erreichte den ersten grossflächigen Windbruch. Er war mit hüfttiefem Schilfgras bedeckt, das die darunterliegenden Baumleichen verbarg. Die Marschgeschwindigkeit konnte in Metern pro Minute gemessen werden. Am anderen Ende des Bruchs zwängte ich mich wieder ins Gebüsch; unter dem Blätterdach ging es etwas besser weiter.

Als ich an den nördlichen Rand des Gebüschs vorgedrungen war konnte ich auf die nächste Lichtung hinaussehen. Vor mir, in etwa 60m Entfernung, stand ein junger Rothirsch. Sein Blick war auf mich gerichtet, und ich erstarrte. Sekunden der Spannung vergingen. Dann senkte er das Haupt und äste. Der Gewehrriemen kam von der Schulter, ich verriegelte das Schloss, zielte und ein Schuss durchbrach die Stille. Der Hirsch sprang ab und flüchtete durch das Gras. Ich jagte ihm noch zwei Schüsse hinterher bis er in hundert Metern Entfernung vom Nebel verschluckt wurde.
Mein Adrenalinpegel war auf vollem Anschlag, und ich setzte mich erst einmal kurz hin. Ich war mir sicher mit dem ersten Schuss einen Treffer erzielt zu haben und wollte warten bis das Tier ins Wundbett ging. Nach etwa zehn Minuten stand ich auf und begann mich auf den Anschuss zuzubewegen. Durch das hohe Gras war es eher eine Art Ruderbewegung. Als ich am Anschuss ankam hüpfte mir das Herz höher: Es war jede Menge Lungenschweiss vorhanden. Bei seiner Flucht hatte er auch an jedem Grasbüschel Schweiss verloren, so dass ich ihm einfach durchs Gras folgen konnte.
Nach etwa 50m fand ich ihn; er hatte noch versucht über einen Baumstamm zu springen, war dann aber halbwegs auf dem Stamm liegengeblieben. Ein "YEEEEEEEEEEEEEEEHHHAAAAAAAAAAAAWWWWW" schallte über das Tal!

Nachdem ich ihn fotografiert hatte - was auf dem Gelände nicht besonders gut ging - machte ich Pause. Ich genoss den Blick ins Tal, musste die Pause aber kurz halten da der Wind zunahm und immer mehr Wolken aus dem Tal hochkamen. Also machte ich mich ans Ausnehmen, Zerteilen und Ausbeinen. Das Wildpret steckte ich in meinen Fleischsack - eine Art kleiner Rucksack aus extrem reissfestem Material. Diese Arbeit nahm mich bis kurz nach Mittag in Anspruch. Dann ging es mit dem Gewicht auf dem Rücken los.
Leider war es unmöglich durch den Busch mit dem Wildpret auf dem Rücken und dem Geweih auf der Schulter hindurchzukriechen. Nachdem ich ziemlich viel Energie verschwendet hatte liess ich schliesslich den Kopf zurück - mir war es wichtiger die 25kg Wildpret nach Hause zu bringen als einen 7-Ender. Ich deponierte den Kopf also in einem Baum und markierte ihn mit dem GPS um ihn eventuell später noch zu holen.
Der Nieselregen setzte ein als ich den Grat verliess um das Bachbett hinunterzusteigen. Mit den 25kg Fleisch auf dem Rücken und dem Gewehr in der einen Hand wurde es ziemlich schnell ungemütlich. Die Steine waren flach und glitschig, und es ging steil hinab. Auch die Wasserfälle stellten ein ziemliches Problem dar, aber langsam - sehr langsam - arbeitete ich mich bergab.
Gegen vier Uhr erreichte ich mein Camp. Alles was ich noch an Schokolade und Müsliriegeln hatte wurde jetzt ein Opfer meines Hungers - der Körper schrie nach Zucker. Die Trageriemen hatten meine Schultern wundgerieben und mir war es sehr recht dass ich das Wildpret jetzt in den guten Trekkingrucksack befördern konnte, der gepolsterte Riemen hatte.
Nach der Pause ging es weiter bergab. Mittlerweile war ich schon durchnässt - von aussen vom Regen, von innen von meinem Schweiss. Es war kalt und ungemütlich, und ich war heilfroh als ich den Bach mit seinen Stolpersteinen verlassen konnte und in das sandige Flussbett einbog. Durch den Regen war der Pegel natürlich gestiegen, und schon nach wenigen Minuten waren auch die Stiefel voller Wasser.
Hier lag ich nun erschöpft gegen die Wurzel gelehnt. Der Energieriegel war zäh und mir taten die Kaumuskeln weh. Aber der Zucker half. Es gibt einfachere Wege die Gefriertruhe zu füllen. Aber keinen besseren.
Ich schloss den Hüftgurt und drehte mich mit den 35kg Gepäck auf dem Rücken auf die Knie. Meine Hand umfasste den nassen Laufstahl, und ich drückte den Kolben in den Flusssand um mich aufzurichten. Die Knie durchdrücken.
Ich lief weiter durch den Nieselregen und die einbrechende Dunkelheit. Den Fluss hinauf. Dem Pass entgegen.

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